Christoph Brech beim Besuch im Diözesanmuseum Paderborn

Christoph Brech beim Besuch im Diözesanmuseum Paderborn

„So macht sich jede Zeit ihr eigenes Rom-Bild“, schreibt der Schriftsteller Martin Mosebach.

Jeden Tag ein Bild, ein Foto in einer Stadt zu machen, die die Beinamen „Heilige“ und „Ewige“ trägt, in der Generationen von Künstlern gewirkt und ihre einzigartigen Spuren hinterlassen haben? Was ist das für eine Aufgabe! Christoph Brech hat sie sich gestellt. 2006/07 war er Stipendiat der Villa Massimo, der Deutschen Akademie in Rom. Jeden Tag zog er mit der Fotokamera durch die Stadt. Entstanden ist ein einzigartiges Bilder-Tagebuch. Doch dabei sollte es nicht bleiben: 2010 bekam der Münchner Foto- und Videokünstler ein faszinierendes Angebot: Er wurde eingeladen in den Vatikanischen Museen zu fotografieren, überall und zu jeder Zeit. In seinem grandiosen Bildband „Freie Blicke“ hat er seine Einblicke ins „Allerheiligste“ publiziert. Und es war diese ungewöhnliche, visuelle Entdeckungsreise von Christoph Brech, die für die Paderborner Ausstellungsmacher zum Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit den „Wundern Roms“ wurde.

In der kommenden Sonderausstellung spielen die Arbeiten von Christoph Brech eine zentrale Rolle. Wir haben mit ihm über Rom und seine Arbeit gesprochen.

365 Tage Rom. Für Ihr Foto-Tagebuch haben Sie wahrscheinlich ein Vielfaches an Bildern und vor allem an Eindrücken in dieser besonderen Stadt gesammelt. Können Sie sie charakterisieren? Rom in einem Satz? 

Ch. Brech. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste überhaupt. Ich glaube sie ist einzigartig. (Lacht.) Einfach eine einzigartige Stadt.

Einmal nach Rom reisen – das war Jahrhunderte lang ein Muss für Maler und Literaten, für Gelehrte und Sinnsucher … Wie ist das, wenn man als Künstler plötzlich in einer solchen Stadt lebt und arbeiten will?

© Christoph Brech, Rom

© Christoph Brech, Rom

Ch. Brech. Das ist eine Herausforderung, die so groß ist, dass eigentlich, das Scheitern vorprogrammiert ist. Man ist mit so erhabener Kunst und Architektur konfrontiert, jeden Tag … Am Anfang war das wirklich der Overkill, weil die Qualität auf so einem hohen Niveau ist, im Überfluss, und meist auch gut erhalten. Wenn man dann eine längere Zeit dort ist, bekommt das eine gewisse Normalität und man fängt an Dinge zu sehen, die im großen Kontrast zu ihrer Umgebung oder zur Geschichte der Stadt zu etwas Besonderem werden. Dann wird es plötzlich sehr spannend.

Ich erinnere mich an ein Foto von einer riesigen Wand aus leeren Wasserkästen am Petersplatz, an eine verlassene Schaufensterpuppe am Bordsteinrand oder das besondere Licht über dem Feierabendverkehr. Hatten Sie eigentlich bestimmte Ziele oder sind Sie „wahllos“ durch die Stadt gestreift?

Ch. Brech. Die Villa Massimo liegt etwas außerhalb und ich habe mir Rom von dort aus erschlossen. Im Rom-Foto-Tagebuch habe ich immer ein Foto veröffentlicht, dass charakteristisch war für meinen Tag. Im Nachhinein sehe ich genau, wie die Kreise um die Villa Massimo von Woche zu Woche weiter werden. Wie ich in die Stadt eindringe, auch in ihr Herz oder in ihr Fühlen, irgendwie.

Sie wurden eingeladen in den Vatikanischen Museen zu fotografieren, in der Sixtinischen Kapelle. Sie durften hinein, wann immer sie wollten. Wie ist das, wenn man an einem solchen Ort plötzlich alleine ist, wenn die Menschenmenge verschwunden ist?

©Christoph Brech, „Freie Blicke“, Rom

©Christoph Brech, „Freie Blicke“, Rom

Ch. Brech. Das war eine Situation, in die ich erst hineinwachsen musste.  So: Um Gottes Willen, jetzt bin ich der eine Auserwählte, der alles darf. Ich durfte z.B. in die Depots, durfte wirklich alles, hatte eine Carta Bianca und immer wunderbare Begleiter, die alle Schlüssel hatten, die Alarmanlagen ausschalteten, Abkürzungen kannten und alles für mich möglich gemacht haben. Toll! Es war eine absolut hervorragende und herausragende Situation. Aber ich war anfangs total überfordert, weil ich wußte, jetzt musst Du liefern; abliefern, was noch keiner vorher gemacht hat. Ich war zum Beispiel allein in der Sixtinischen Kapelle, mehrmals – mit der selbstgestellten Aufgabe das ultimative Foto zu machen. Das war für mich eine Stress-Situation. Man weiß einfach, jeden Tag werden hier tausende Fotos gemacht, und auch richtig gute, was setzt man denen entgegen? Mit welcher Berechtigung ist man hier? Das war schon eine sehr große Herausforderung.

Es gibt ein Foto mit eingedeckten Tischen im Museum, wie ist das zustande gekommen?

Ch. Brech. Eine Hochzeitsgesellschaft hatte sich eingenistet, man sieht diese goldenen Damast-Plastik-Tischdecken.

Man kann in den Vatikanischen Museen feiern?

©Christoph Brech, Rom – Braccio Nuovo, Vatikanische Museen

©Christoph Brech, Rom – Braccio Nuovo, Vatikanische Museen

Ch. Brech. Ja, zum Beispiel im Braccio Nuovo, den kann man mieten, wenn man viel Geld hat und darf dann dort seine Hochzeit feiern. Mich haben gerade solche „Störungen“ im Museum interessiert, sie habe ich versucht einzufangen. Eigentlich war es immer der Moment der mich gereizt hat. Ich hatte die Chance drei Jahre dort immer wieder zu arbeiten, zu allen Jahreszeiten, zu allen Tageszeiten, nachts oder ganz früh. Da gibt es spezielle Lichtsituationen, die sind eben nur in diesem einen Augenblick da.

Einige Ihrer Bilder aus den Vatikanischen Museen werden wir hier sehen und auch Videofilme. Mich beeindruckt sehr Ihr Film mit den Staren, der eine ganz zentrale Position im Eingangsbereich der Ausstellung einnehmen wird. Wie ist er entstanden?

Ch. Brech.  Ich habe ihn La Sosta genannt, auf Italienisch: Rastplatz, die Rast, weil die Stare auf ihrem Flug in den Süden – aus Deutschland oder wo immer sie auch herkommen ­– in Rom Rast machen. Und sie bleiben eine nicht vorhersehbare Zeit, manchmal Tage, manchmal Wochen. Sie sind tagsüber auf den abgeernteten Feldern außerhalb der Stadt, suchen nach Nahrung und kommen nachts zurück, um in den Platanen am Tiber zu übernachten. Es sind Millionen Stare, die dann aus allen Himmelsrichtungen zurück nach Rom fliegen. Die armen Römer, die ihre Autos unter den Rastplätzen der Stare geparkt haben, müssen diese mit Plastikfolien schützen. Mich hat dabei interessiert, wie die Stare ganz in der Ferne auftauchen, wie Rauchzeichen sind sie plötzlich am Horizont… Ah, sie kommen näher und näher bis dieser Hitchcock-Moment eintritt, wo man plötzlich umgeben ist von Vögeln, überall sind sie dann, auch direkt über einem. Ich war auf einer Dachterrasse mitten in der Einflugschneise…

Wie ist das bei Ihnen selbst, kommen Sie auch immer wieder nach Rom? Ist diese Stadt ein Magnet?

Ch. Brech.  Ja. Ich bin normalerweise drei oder vier Mal im Jahr in Rom. Ich habe viele Freunde dort und wenn ich in Rom bin, dann singe ich auch noch im Chor von St. Maria Maggiore. Dort habe ich 2006 und 2007 regelmäßig gesungen und werde heute dort noch geduldet, sozusagen… Das ist ganz, ganz schön.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Waltraud Murauer-Ziebach.

 

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