Natalie Hansen mit den Schauspielern Barbara Linnenbrügger und Willi Hagemeier im Tonstudio.

Natalie Hansen mit den Schauspielern Barbara Linnenbrügger und Willi Hagemeier im Tonstudio.

Rom im „Blick des Nordens“ – wie sahen eigentlich die Literaten die Ewige und Heilige Stadt? Wie kaum ein anderer hat Goethe unser Bild vom Sehnsuchtsort Rom geprägt, aber es gab auch ganz andere Stimmen! Natalie Hansen von der Universität Paderborn hat sich mit ihrer Bachelor-Arbeit auf literarische Spurensuche begeben und daraus „ganz nebenbei“ Texte für eine  Hörstation in der Ausstellung ausgewählt. Per Kopfhörer können die Besucher in sieben Beispiele aus vier Jahrhunderten (18.- 21. Jh.) eintauchen. Alle ausgewählten Autoren beantworten mit den Textauszügen die imaginäre Frage „Wie nehme ich Rom wahr?“. Es gibt drei positive, drei negative und eine eher spöttische Stimme. Wir haben mit Natalie  Hansen über ihre Arbeit gesprochen und bringen hier vier der Beispiele zu Gehör.

Frau Hansen, was hat Sie bei Ihrer Arbeit an diesem Thema am meisten überrascht?

Natalie  Hansen: Überrascht hat mich die Vielfalt der Stimmen. Man hört immer von der ungebrochenen Faszination Roms. Wirft man aber einen genaueren Blick auf die Literatur, dann stellt man ganz schnell fest, dass viele gar nicht so wunderbar überzeugt und überrascht waren von Rom. Manche – wie beispielsweise Rolf Dieter Brinkmann – finden alles eher abscheulich, schrecklich, fürchterlich und können die Rezeption ihrer Vorgänger und die Rezeption eines Johann Wolfgang von Goethes gar nicht nachvollziehen. Eben weil es nicht nur die positiven, faszinierten und überschwänglichen Stimmen gibt, sondern auch negative, ist die Idee zu dieser Hörstation entstanden. Wir wollten das Spektrum zeigen und haben positive und eher negative, melancholischen Stimmen gegenüberstellt.

Fangen wir mit Goethe (1749-1832) an …

Natalie  Hansen: Goethe ist der Italienreisende schlechthin. Er hat mit seiner „Italienischen Reise“ das kanonische Werk geschrieben, in dem alles zusammenläuft. Er hat das Künstlerische, die Faszination durch die Natur, die Interpretation durch Künstler, die Selbsterfindung vereint. Er hat die meisten, die nach ihm kamen, inspiriert, also auch nach Rom zu fahren, über Rom zu schreiben oder sich in Rom als Künstler zu verwirklichen.

Hörstation: Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, 1816, Länge: 6’08 Minuten

Kommen wir zu Johann Joachim Winckelmann, dem „Vater“ der wissenschaftlichen Archäologie und der Kunstgeschichte (1717-1768) …

Natalie  Hansen: Winckelmann ist schlechthin der Begründer des Mythos-Rom-Gedankens. Er hat als erster über Rom geschrieben und angefangen Rom als Inspirationsquelle für das künstlerische Schaffen zu nutzen. Vor Winckelmann haben wir viele, die Pilgerreisen unternehmen oder Bildungsreisen, die ihre Erfahrungen im Zuge der Aufklärung sehr protokollartig aufschreiben, Enzyklopädien verfassen und möglichst detailreich arbeiten, aber weder der künstlerische, noch der Selbstfindungsaspekt sind ihr Thema. Winckelmann ist der erste, der das aufgenommen hat, und in meiner Textauswahl beginnt er mit Worten, die eine sehr schöne Begrüßung der Museumsbesucher sind: Itzo wünsche ich nichts mehr, als Dich hier zu sehen…

Hörstation: Johann Joachim Winckelmann, Briefe, 29. Januar 1757, Länge: 2’12 Minuten

Zwei schwärmende Stimmen. Und jetzt mal zu einem Kritiker: Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975)…

Natalie  Hansen: Brinkmann ist – nicht nur – in meiner Textauswahl die negativste Stimme überhaupt. Sein Sprachstil ist relativ vulgär, das Ganze ist patzig und trotzig und irgendwie ein Pamphlet. Wenn man aber nur dieses Patzige, Trotzige sieht, dann wird man Brinkmann nicht richtig gerecht. Man könnte fast sagen, für das negative Lager ist er eine Ikone.

Hörstation: Rolf Dieter Brinkmann, Rom, Blicke, 1979, Länge: 3’56 Minuten

Und als letztes Beispiel an dieser Stelle: Lutz Seiler (*1963), Gewinner des Deutschen Buchpreises 2014. Er beginnt seinen Text tatsächlich mit den Worten: Die ersten Monate saß ich nur da, hinter dem Schrank, und versuchte von dort aus Rom zu ignorieren …

Natalie  Hansen: Lutz Seiler habe ich natürlich reingenommen, weil er schon so konfrontiert ist mit der Rom-Rezeption seiner Vorgänger und mit der Mythologisierung und der Mystifizierung dieser Stadt. Er kam als Schriftsteller, als Stipendiat der deutschen Akademie Villa Massimo nach Rom, und das ist immer mit einem gewissen Druck verbunden. Und es ist die Stadt Rom, die zusätzlich einen Produktionsdruck ausübt. Seiler ist baff und überrannt, muss sich aber mit dieser Faszination auseinandersetzen, die seine Vorgänger Rom entgegen gebracht haben, dabei kriegt er es nicht richtig hin inmitten der „Mächtigkeit“ dieser Stadt, selber noch produktiv zu sein.

Hörstation: Lutz Seiler, Die römische Saison, 2016, Länge: 4’14 Minuten

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hansen.

Wir empfehlen allen, die jetzt neugierig geworden sind, einen Besuch der Hörstation in der Ausstellung WUNDER ROMs.

Das Interview führte Waltraud Murauer-Ziebach.

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