Sancta Sanctorum – ein geheimnisvoller Ort

Reliquiar aus der päpstlichen Kapelle „Sancta Sanctorum“ am Lateran SOG. „CAPSELLA VATICANA“ Konstantinopel, 610-641 Vatikanstadt, MUSEI VATICANI © Archivio Fotografico dei Musei Vaticani

„Das Geheimnisvolle, oder sagen wir das, was die Papstkapelle Sancta Sanctorum wirklich ausmacht, ist die Tatsache, dass hier der kostbarste Reliquienschatz Roms aufbewahrt wird, und dass diese Kapelle ein Christusbild beherbergt, von dem es heißt: Es sei nicht von Menschenhand gemacht.“ Prälat Dr. Max-Eugen Kemper hat diese Kapelle genauestens studiert. Sie trägt die Inschrift „Es gibt auf dem gesamten Erdkreis keinen heiligeren Ort“ und ist die älteste Papstkapelle in Rom. Als Botschaftsrat am Heiligen Stuhl hat der profunde Kunstkenner ranghohe Politiker aus aller Welt zu den Wundern Roms begleitet. Und er hat sich dafür eingesetzt, dass in der Ausstellung WUNDER ROMs großartige Exponate aus der Sancta Sanctorum gezeigt werden können. Zu ihnen gehört u.a. die kostbare „Capsella Vaticana“ (Konstantinopel 610-641). Das ovale Gefäß enthielt Knochensplitter, eine Glas-Ampulle, verschiedene Steine und Erde. Aufgrund der besonderen Gestaltung mit einem Gemmenkreuz, unter dessen Kreuzarmen Engel mit zum Gebet erhobenen Armen stehen, und einer Darstellung der Dreifaltigkeit, wird vermutet, dass die in ihr bewahrten Reliquien mit Christus selbst in Verbindung stehen könnten.

Das Gespräch, das wir mit Max-Eugen Kemper für unseren Blog geführt haben, wurde zu einer wunderbaren „Reise“ ins Innere der Sancta Sanctorum, eines außergewöhnlichen, eines heiligen Ortes:

„Die kleine, alte Basilika, die wahrscheinlich aus dem 6. Jahrhundert stammt, wurde dem hl. Laurentius geweiht. Er ist der eigentliche Begründer der Kirche am Tiber. Laurentius war eine faszinierende Gestalt, ein Diakon und einer der ersten großen Märtyrer. In Rom wird er ebenso verehrt wie Petrus und Paulus, die beiden Apostelfürsten.

Mosaiken des Tricliniums beim Lateran.Foto: Martin Knopp, Wikipedia Commons

Die Laurentius-Kapelle war bis wenige Jahre vor ihrer Restaurierung – 1994 bis 1996 – überwiegend geschlossen. Heute kann man sie besichtigen, aber nur mit rechtzeitiger Voranmeldung und nur in kleinen Gruppen. Sie bleibt also geheimnisvoll. Der hier bewahrte Reliquienschatz ist außerordentlich. Leo III., der Papst der sich 799 in Paderborn mit Karl dem Großen traf – hat ihn in einem Zypressenkasten eingefasst, umgeben von Gittern und Türen. Und tatsächlich war er hier Jahrhunderte lang sicher, wurde nie berührt, sogar der Sacco di Roma, die Plünderung Roms und des Kirchenstaats, konnte ihm nichts anhaben. Erst 1903 hat man den Reliquienschrein geöffnet. Die kunstvoll gefertigten Behälter, die in der Kapelle u.a. durch die Feuchtigkeit gefährdet waren, sind heute im Vatikan zu sehen. Die Reliquien wurden in neue Behältnisse gefasst und werden heute wieder unter dem Altar der Sancta Sanctorum selbst bewahrt. Sie stammen aus der Passionszeit Jesu selbst oder gehören zu den ersten frühen römischen Märtyrern, wie Petrus und Paulus, Laurentius, Agnes oder Prassedis.

Diese Reliquien machten die Kapelle zu einem berühmten Pilgerort, was man heute noch sehen kann: Die Stufen sind völlig ausgetreten, „ausgekniet“. Dieser heilige Ort war das Hauptziel der Rom-Pilger. Sie wollten diese Reliquien sehen, wollten den Schrein berühren. Aber fast ebenso wichtig war es, das ganz alte Christusbild zu sehen, das als nicht von Menschenhand gemacht gilt. Das ist ein Begriff, der sich vor allem aus dem politischen Hintergrund erklären lässt: Man wollte dieses Bild

WUNDER ROMs, Blick in die Ausstellung, Gestaltung der Kopfseite mit Darstellung der Mosaiken des Tricliniums/Südseite der Sancta Sanctorum. Foto: Noltenhans

unterscheiden von denen, die Menschen von Göttern gemacht hatten, den Götzenbilder. Nicht von Menschenhand, sondern von Gott gemacht. Es gibt die Legende, dass dieses Christusbild von Lukas gemalt wurde, aber das wäre ja von Menschenhand, und so fügte man hinzu, von Engeln vollendet. Es gibt auch andere Versionen, die eher aus der byzantinischen Tradition kommen. Sie besagen, das Bild sei von selbst über das Meer nach Rom gekommen. Diese nicht von Menschenhand gemachten Bilder sind zum Mythos geworden, weil man eben nicht wusste, wo ihr Anfang lag. Dieser liegt im Dunkeln, bleibt ein Geheimnis. Über die Jahrhunderte hinweg behielt dieses Christusbild, die Salvatorikone, ihre mystische Aura. Sie hat eine Ausstrahlung, die sich nicht so leicht erklären lässt. Wahrscheinlich stammt sie aus dem 6. Jahrhundert, manche glauben, sie sei noch älter. Im Grunde spielt das aber bei Ikonen keine so große Rolle, denn Ikonen wurden immer schon genau abgemalt, das musste man so machen, immer im gleichen Stil, mit der gleichen Technik, mit den gleichen Farben. So kann es durchaus sein, dass dieses Bild zurückgeht auf das vera ikon, das wahre Angesicht Christi.

Das Besondere dieser Kapelle ist also einmal die Tradition, dass sie auf Laurentius zurückgeht, dann der Märtyrerkult und natürlich dieses Christusbild, die Salvatorikone. Aber es gibt noch etwas, die Fresken, und das ist erst jetzt sichtbar geworden. Man weiß heute sehr genau, dass sie zwischen 1277 und 1280 entstanden sind, das geht aus dem Liber pontifikalis von Nikolaus II. hervor. Die Fresken waren sehr stark abgedunkelt und als man sie von den Firnis- und Schmutzschichten befreite, kam ihre ganze Schönheit zum Vorschein. Lange meinte man, sie entstammten einer Vorschule von Giotto (1267 od. 1276-1337), eines Wegbereiters der italienischen Renaissance, oder sie seien schon von Giotto selbst beeinflusst worden. Das ist aber nicht der Fall. Es ist noch eine spätrömische, mittelalterliche Malerei, die da zutage tritt. Gerade an ihrer Farbigkeit merkte man plötzlich, was das für wunderbare Malereien sind, von denen man in Rom eigentlich keine mehr zu haben glaubte. Diese Fresken stellen die ganze Kapelle noch einmal vor Augen: Die Märtyrer, die unter dem Altar der Kapelle begraben sind, also die Petrus- und Paulus-Geschichte in ihren Martyrien und das Leben von Stephanus und Laurentius. Das wichtigste Bild ist über dem Altar zu sehen, die Übergabe der Kapelle durch Petrus und Paulus. Es ist eine wirklich wunderbare Darstellung, die Apostel übergeben die Kapelle an Christus, der an der anderen Seite des Fensters auf dem Thron sitzt. Diese Christus-Gestalt ist insofern von Bedeutung, weil die Künstler, die diese Fresken gefertigt haben, die vielfach überarbeitete Salvatorikone wahrscheinlich noch in einem ursprünglicheren Zustand gesehen haben. Man nimmt daher heute an, dass in diesem Christusbild die alte Ikone am besten zum Vorschein kommt.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann und Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper in Rom.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann und Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper in Rom.

Die Sancta Sanctorum ist ein ganz besonderer, ein heiliger Ort, der mich immer wieder neu beeindruckt.“

Seit vielen Jahren ist Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper ein wichtiger Ratgeber der Kuratoren des Diözesanmuseums Paderborn. Einen spiritus rector, nennt ihn Prof. Stiegemann, der Leiter des Diözesanmuseums und Kurator der Ausstellung und eben auch einen „Deutsch-Römer“, der oftmals zum Wegweiser und Türöffner für die Paderborner wurde. An deutschen Hochschulen lehrte Max-Eugen Kemper Didaktik der christlichen Kunst und beleuchtete in zahlreichen Veröffentlichungen Themen der christlichen Kunstgeschichte.

 

 

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