„Zu so viel abwechselnden Bildern und Gestalten gesellte sich noch eine Erscheinung, [..] zwei Pilger nämlich […]. Als eine in der gegenwärtigen Zeit seltene Erscheinung wurden sie angestaunt und, weil früher unter dieser Hülle manch Gesindel umhertrieb, wenig geachtet. Als ich vernahm, daß es Deutsche seien, keiner andern Sprache mächtig, gesellte ich mich zu ihnen und vernahm, daß sie aus dem Paderbornischen herstammten. Beides waren Männer schon über funfzig, von dunkler, aber gutmütiger Physiognomie.“ Das schrieb Johann Wolfgang von Goethe auf seiner italienischen Reise am 28. September 1786 in Venedig.

Die gutmütige Physiognomie haben wir uns natürlich bewahrt, ein paar Sprachen dazugelernt, auch der zeitliche Rahmen einer Dienstreise nach Rom hat sich seit der Zeit Goethes deutlich entspannt, beste Voraussetzungen für eine erneute Pilgerreise aus dem Paderbornischen, diesmal zu unseren römischen Leihgebern, sind wir doch fest entschlossen, im kommenden Jahr einige WUNDER ROMs bei uns im Diözesanmuseum zu präsentieren.

Ein Reisebericht von Kuratorin Christiane Ruhmann

Unterwegs in die Ewige Stadt – wir fliegen über die Alpen!

In Rom gelandet …

Einchecken in der Pilgerherberge beim Vatikan (für Paderborner natürlich obligatorisch), Sonnenbrillen aufgesetzt und los ging’s zum ersten Leihgebertreffen. Seit Dezember 2015 stehen wir für unsere Ausstellung „WUNDER ROMs im Blick des Nordens“ (31.3.–13.8.2017) in engem Kontakt zu unseren römischen Leihgebern, verhandeln über antike Skulpturen und Reliefs, kostbare Reliquiare und Gemälde, aber auch – und darum ging es bei dieser Reise – über Objekte, die noch nie zuvor ausgestellt waren, die seit langer Zeit in römischen Magazinen schlummern.

Auf dem Campo Santo

Unsere erste Anlaufstelle ist der Campo Santo Teutonico – der „Deutsche Friedhof“. Er liegt direkt am Petersdom. Genau  hier befand sich seit der Zeit Karls des Großen im 8. Jahrhundert eine Anlaufstelle speziell für deutschsprachige Pilger aus den Ländern nördlich der Alpen. Noch heute ruhen hier Österreicher, Schweizer, Niederländer und Deutsche, die in Rom verstorben sind, unter anderem der bekannte deutsche Schriftsteller Stefan Andres. Hier mal ein großartiges Foto des Campo Santo, von der Kuppel des Petersdoms (links sieht man einen Teil der berühmten Bernini-Kolonaden, die den Petersplatz umfangen)

Am Campo Santo befindet sich heute auch der Sitz des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, einer Forschungsgemeinschaft deutscher Kunsthistoriker. Hier hatten wir eine Verabredung mit dessen Direktor Professor Stefan Heid – hier auf dem Bild zusammen mit dem Kopf der Paderborner Pilgertruppe Diözesanmuseumsdirektor Christoph Stiegemann vor der Kulisse des idyllischen Campo Santo.

Bitten an die Apostel

Das Römische Institut der Görres-Gesellschaft am Campo Santo Teutonico hat eine bedeutende Sammlung an Altertümern. Für uns sind einige unscheinbare Wandputzbrocken von größter Bedeutung: Sie stammen von der ältesten Verehrungsstätte der Apostel Petrus und Paulus an der Via Appia bei den Katakomben, noch aus der Zeit der Christenverfolgung durch die römischen Kaiser. Die Fragmente zeigten Ritzungen mit Bitten an die beiden Apostel, die Pilger aus ganz Europa einst an jenem Ort anbrachten. Mit etwas Glück werden wir diese Fragmente erstmals außerhalb Roms präsentieren können!

Nach den Leihverhandlungen am Campo Santo geht’s weiter zum Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana, dem päpstlichen Institut für die christliche Archäologie,  wo Stefan Heid uns ein bislang noch nicht publiziertes Verzeichnis von Reliquien aus den römischen Katakomben zeigen möchte

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Mit dem Auto fahren wir durch Rom, vorbei an der Engelsburg, dem Denkmal für Vittorio Emanuele und der Traianssäule bis zur berühmten Marienkirche Santa Maria Maggiore, deren Wurzeln in der Spätantike liegen. Hier um die Ecke ist der Sitz des Pontificio Istitutos.

Uns fällt auf, dass sich vor Santa Maria Maggiore, wie vor vielen anderen bedeutenden Gebäuden in Rom aufgrund der Terroranschläge, die Europa in den letzten Monaten erschütterten, die Sicherheitsvorkehrungen extrem verschärft haben. Der Zugang ist weiträumig abgesperrt; man muss seine Tasche scannen lassen und selbst durch einen Personenscanner laufen.

Heilige Reliquien

Im Pontificio Istituto, gleich um die Ecke von Santa Maria Maggiore dürfen wir – unter Stefan Heids Aufsicht – in dem Verzeichnis der aus römischen Katakomben geborgenen Reliquien blättern. Nach ihrer Bergung wurden die heiligen Überreste damals in Kirchen in aller Welt gegeben; das Verzeichnis vermerkt genau, wohin die Reliquien nach ihrer Bergung gelangten.

Wir recherchieren, ob nicht einige der aus den Katakomben entnommenen heiligen Gebeine auch nach Paderborn kamen.

Danach ging’s weiter zu Dr. Giorgio Nestori, Präfekt und Bibliothekar des Insituto, der unsere Ausstellungsunternehmen seit langer Zeit unterstützt und oft als Kurier mit kostbaren Leihgaben bei uns in Paderborn war. Er zeigte uns ganz besondere Schätze aus seiner Bibliothek: Um 1900 lag dem deutschen christlichen Archäologe Josef Wilpert die Dokumentation des Bildschmucks – also der Mosaiken und Fresken – in den römischen Kirchen und Katakomben am Herzen. Dazu nutzte er das damals neue Medium der Schwarz-Weiß-Fotografie; die Fotografien ließ er von einem Maler minutiös nachkolorieren und so entstanden wunderschöne Aquarelle aller bedeutender frühchristlicher Bildwerke des über- und unterirdischen Rom. Giorgio Nestori zeigt uns einige, die wir noch nicht kannten;  u.a. aus der berühmten Papstkapelle Sancta Sanctorum. Die wunderbaren Aquarelle werden nun ab Ende März des kommenden Jahres in Paderborn zu sehen sein! Grazie Mille Giorgio Nestori e Pontificio Istituto!

Besuch im Kloster

Perfekter Abschluss einer perfekten Leihgeber-Bereisung: Abschließend hatten wir noch die besondere Freude, mit  Prälat Dr. Max-Eugen Kemper, dem ehemaligen Botschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland am Heiligen Stuhl, einen wunderbaren römischen Ort, das von Gregor dem Großen gegründete Kloster Santo Stefano Rotondo, das über einem ehemaligen heidnischen Heiligtum liegt, zu besichtigen.

Der Stuhl des Papstes

Max-Eugen Kemper und Christoph Stiegemann vor der Hausnummer 7, der Chiesa Santo Stefano Rotondo, hier …

… kann man den Stuhl – bzw. den Marmorsitz – besichtigen, auf dem schon Papst Gregor der Große saß, um den Römern zu predigen.

Nordlichter in Rom

Von Innen ist die Kirche ein großartiges Rund aus antiken Säulen. Santo Stefano Rotondo ist übrigens die Titelkirche von Kardinal Friedrich Wetter, dem früheren Erzbischof von München und Freising, Nordlichter in Rom, wo man steht und geht …

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