Christoph Stiegemann stellt seine persönlichen Favoriten vor.

Oft sind es die Geschichten hinter den Exponaten, die grandiose Werke noch spannender oder liebenswerter machen. Kürzlich haben wir zwei der Lieblingswerke von Museumsdirektor und Kurator Prof. Dr. Christoph Stiegemann vorgestellt, beide stammen vom niederländischen Meister Hendrick Goltzius. Wohin wird er uns beim heutigen Ausstellungsbesuch führen?

Christoph Stiegemann stellt vor:

„Hier sind wir jetzt in unserem kleinen Kunstkabinett, einem etwas abgesonderten Raum. Wir zeigen hier Gemälde, Zeichnungen und auch Kupferstiche der Künstler aus den nördlichen Niederlanden.

Das Raunen der Ruinen

Blick ins Innere des Kolosseums in Rom
Jan Asselijn (*1600–1610, †1652), zugeschrieben
Kreide mit Tusche und Bister lavier, Museumslandschaft Hessen Kassel – Graphische Sammlung. Das Bild konnte nur bis Anfang Juli in der Ausstellung WUNDER ROMs gezeigt werden.

Hendrick Goltzius – dessen Arbeiten wir uns beim letzten Mal angeschaut haben – war Katholik, wie Rubens hat er im Grunde aus dieser Wahrnehmung der katholischen Reform heraus die Antike studiert. In den nördlichen Niederlanden leben die Protestanten, und als sie nach Rom gehen, entdecken sie das Bildmotiv der Ruine. Das Raunen der Ruinen! Also sie sehen nicht nur Schutt und Abfall, nicht nur die Kadaver der Denkmäler, wie Luther das gesagt hat, sondern das Ruinenmotiv wird jetzt ein pittoreskes. Das ist unglaublich spannend für die Künstler aus dem Norden. Und sie bringen etwas mit, was die Römer nicht kannten, die Kunst der Landschaftsmalerei. Die wird also gewissermaßen importiert, aus den nördlichen Niederlanden. Bevor wir uns diese Bilder anschauen, will ich aber noch etwas über die Künstler sagen, deren Werke hier versammelt sind.

Die Malerbande von Rom

Die Niederländer schlossen sich in Rom zu Malerbünden zusammen, und es gab seltsame Aufnahmeriten. Wer also zur Schildersbent gehören wollte, zur Malerbande der Bentvueghels, so nannten sie sich – Bandenvögel – der musste ein dreitägiges Saufritual durchstehen, ein ganz extremer Exzess. Zum Höhepunkt der exzessiven Trinkerei kam es dann in der Santa Constanza, dieser kleinen Rundkirche, der Grabeskirche der Tochter Konstantins, etwas außerhalb der Stadt. Dort stand noch der Sarkophag der Tochter (der heute in den Vatikanischen Museen gezeigt wird) und darauf waren Weintrauben dargestellt. Die Niederländer hielten diesen Ort für einen Tempel des Bacchus. Und dort fand die Aufnahme in die Schildersbent statt.

Die Mitglieder der ehrwürdigen römischen Akademie St. Lucca haben darüber natürlich die Nase gerümpft. Aber es waren immerhin 480 Künstler, die sich zwischen 1620 und 1720 unter dem Namen Bentvueghels zusammenschlossen. Der Brauch, den sie nach Rom mitbrachten, war im Norden die Gesellentaufe. Wenn man in die Malerzunft aufgenommen werden wollte, dann musste man solche Geschichten über sich ergehen lassen. Für Rom war das außergewöhnlich, dort kannte man so etwas nicht.

Als ich die Santa Constanza besucht habe, entdeckte ich in den Nischen des Umgangs eine Art Graffiti, da stand dann Jan Gerhard van Brussels, 1676, alias Oliphant. Ich dachte erst, das seinen fromme Pilger gewesen – von wegen, das waren Mitglieder dieser Rasselbande von Künstlern, die dort ihren Namen hinterlassen haben.

Mensch und Tier nisten sich in den Ruinen ein

Markt auf dem Campo Vaccino – Marché sur le Campo Vaccino Paul Bril (*1553/54, †1626), um 1600 Öl auf Kupfer – H. 32,0 cm; B. 45,3 cm Bordeaux, Ville de Bordeaux, Musée des Beaux-Arts

Und hier stehen wir jetzt vor einem wunderschönen Blatt, das Jan Asselijn zugeschrieben wird, sein Nicknamen war Krabbetje. Die wunderschöne Tuschzeichnung zeigt einen Blick in das nachhaltig zerstörte Kolosseum. Zu sehen ist eine landschaftliche Situation. Hirten lassen zwischen diesen gigantischen Ruinen die Schafe grasten und ein kleines Gebäude ist in das Kolosseum hineingebaut. Dort nisten sich also Menschen ein, in den gigantischen Resten, in den Ruinen. Das ist eine Szene aus dem 17. Jahrhundert.

Viehmarkt auf dem Forum Romanum

Und auch Paul Bril hat eine landschaftliche Situation gemalt. Die Kollegen aus dem Musée des Beaux-Arts in Bordeaux haben uns dieses wunderschöne, kleine Bild geliehen: „Markt auf dem Campo Vaccino“. Auf dem Forum Romanum findet ein Kuhmarkt statt – dort wo man in die hineinschaut, zugewachsen mit meterhohem Schutt, überwuchert von der Natur. Man sieht Schweine, Kühe werden hindurch getrieben und es gibt eine ganz minutiöse und fein detaillierte Darstellung von Vieh, das an einer großen antiken Brunnenschale Wasser trinkt. Seltsam bewohnt sind diese antiken Ruinen, mit einer Loggia auf der eine Dame ihre Blumentöpfe präsentiert, mit hölzernen Anbauten – es vermittelt sich ein erstaunlicher, ganz und gar ländlicher Eindruck dieser Metropole Rom. Die Maler haben das alles so gesehen, um 1600 herum, als die Päpste bereits dabei waren Rom neu zu strukturieren, mit großen städtebaulichen Maßnahmen. In der Ferne ist ja auch die Kuppel des Petersdoms zu erkennen. Es sind Versatzstücke, die der Bril und die anderen Künstler zusammenführt haben, aber die Erfahrung die dahinter steht, die ist authentisch. Es gab die ländlichen Situationen, aber die Kuppel des Petersdoms gab es auch schon. Es ist die Phase der barockzeitlichen Neuerfindung Roms, in der dieses wunderschöne kleine Tafelbild entstanden ist.“

Prof. Stiegemann, herzlichen Dank für die erstaunlichen Geschichten und Entdeckungen.

 Waltraud Murauer-Ziebach

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