Blick über die Dächer von Rom. Foto: W. Murauer

„Rom habe ich das erste Mal als Schüler gesehen, bei einer Wallfahrt. Das war 1956, und ich weiß noch genau, wie wahnsinnig fasziniert ich von der Sixtinischen Kapelle war.“ Prälat Max-Eugen Kemper lächelt. Niemand konnte damals ahnen, dass er noch unzählige Mal diesen Ort sehen und erleben würde, den er später „Herzkammer der Kirche“ nannte. So der Titel eines Buches das er gemeinsam mit seinem Freund Prof. Dr. Arnold Nesselrath herausgegeben hat.

Rund 29 Jahre seines Lebens hat Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper in der Heiligen Stadt verbracht. Der promovierte Theologe, der heute wieder in Deutschland lebt, war Botschaftsrat am Heiligen Stuhl. Im Laufe der Jahre wurde er zu einem profunden Kenner der römischen Kunstschätze. Er begleitete Staatsoberhäupter und Kunstschaffende aus aller Welt zu den „Wundern Roms“, wenn sie zu politischen Gesprächen und einer Audienz beim Papst in die Stadt kamen.

Prälat Kemper, gibt es einen Ort in Rom, der Sie immer noch „magisch“ anzieht?

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Das kann ich gar nicht so sagen… Sicher gehört die Sixtina dazu, sie ist immer noch gleich eindrucksvoll wie damals, als ich mit der Schülerwallfahrt nach Rom kam. Wir durften damals von hinten hineingehen, was man heute nicht kann und hatten das Jüngste Gericht genau im Blick. Es war beleuchtet damals, komischerweise, und es hat auf mich einen großen Eindruck gemacht. Ich habe das Jüngste Gericht erst wiedergesehen, als es restauriert wurde. Ich hatte sogar Gelegenheit auf dem Gerüst der Restauratoren sehr nahe an die Gestalten heran zu kommen. Hier konnte man die Freskotechnik von Michelangelo genau studieren, die ja eine andere war, als die seiner Zeitgenossen. Das war eine wunderbare Sache. So konnte ich miterleben, dass dieses Bild durch die Restaurierung eine ganz andere Bedeutung bekommen hatte. Als es noch durch die Firnisschichten und den Kerzenruß verschmutzt und braun war, da wirkte das Bild sehr viel ernster, vor allem die Christusgestalt. Es war ein strenger Richter, der die Hand noch erhoben hatte, als wollte er zum Schlag ausholen, als wäre es der letzte Akt des Jüngsten Gerichts, die Scheidung der Gerechtfertigten von den Verdammten. Und jetzt plötzlich, bei der Restaurierung, nach dem man die Firnisschichten weggenommen hatte, stellt sich heraus, dass dieser Christus ursprünglich nicht so sehr als Richter dargestellt wurde, sondern dass er eigentlich eine Tänzergestalt ist.

Eine Tänzergestalt?

Ja, eine Tänzergestalt, die sich im Grunde genommen in den Himmel heraufhebt, also eine Auferstehungsfigur, das Gegenteil von dem, was man früher angenommen hatte und was im Wesentlichen zu sehen war. Das hat mich sehr fasziniert, dieser Wandel, dass man einen völlig neuen Eindruck bekam. Es ist jetzt im Wesentlichen ein Auferstehungsbild. Man sieht auch, dass Michelangelo niemanden demonstrativ in die Hölle schicken will, sondern alles spielt sich in einer Vorhölle ab, dort, wo die Menschen noch die Möglichkeit haben, an das andere Ufer zu gelangen. Es ist also nicht mehr der Eindruck dieses endgültigen Gerichts, mit diesem dräuenden Christus. Das hat mich doch am meisten beeindruckt. Ich habe später auch die Restaurierungen der anderen Papstkapellen sehr intensiv verfolgt.

Sie hatten das Glück die Sixtinische Kapelle so oft zu besuchen, dort ganz selbstverständlich aus- und eingehen zu können. Die Sixtina ist aber auch ein touristischer Hotspot. Hat sie für Sie ihre Faszination behalten?

Also die Sixitina ist gleich eindrucksvoll geblieben, nur erlebt man sie nicht mehr so intensiv in diesen Massen von Menschen und den ständigen Lautsprecheransagen. Immer wieder wird durchgesagt, dass man nicht sprechen soll und doch tun es fast alle. Ich erinnere mich, dass ich häufiger mit hohen Politikern, also morgens ganz früh, hinein durfte, wenn noch gar nichts los war. Da habe ich bemerkt, dass die Wächter beim Reinkommen das Kreuz schlagen. Später taten sie das nicht mehr. Es ist dann ein völlig säkularisierter Raum. So etwas wie eine geheimnisvolle Stimmung kann gar nicht mehr aufkommen. Man müsste eigentlich zeitgenössische Musik einspielen, ganz leise, die Besucher müssten ganz ruhig sein. Aber das lässt sich natürlich nicht realisieren.

Bei der Sancta Sanctorum, der ältesten Papstkapelle, ist das ganz anders, sie beeindruckt mich bei jedem Besuch aufs Neue. So dass dieser Ort von der geheimnisvollere für mich ist, der mich stärker innerlich berührt.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann und Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper in Rom.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn, und Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper in Rom.

Seit Jahrhunderten ist Rom ein Sehnsuchtsort. Keine italienische Stadt zählt mehr Besucher. Warum kommen die Menschen nach Rom, was macht die Anziehungskraft dieser Stadt aus?

Ich kann das gar nicht so sagen, ich finde Rom ist ein Gesamtkunstwerk. Das geht von der Antike über die christlichen Kirchen, durch die ganze Kunst – und Kulturgeschichte bis hin zur römischen Küche!

Herzlichen Dank für das anregende Gespräch.
Teil 2 der Unterhaltung mit Max-Eugen Prälat Kemper gibt es hier demnächst zu lesen.

 

Seit vielen Jahren ist Prälat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper ein wichtiger Ratgeber der Kuratoren des Diözesanmuseums Paderborn. Einen spiritus rector, nennt ihn Prof. Stiegemann, der Leiter des Diözesanmuseums und Kurator der Ausstellung und eben auch einen „Deutsch-Römer“, der oftmals zum Wegweiser und Türöffner für die Paderborner wurde. An deutschen Hochschulen lehrte Max-Eugen Kemper Didaktik der christlichen Kunst und beleuchtete in zahlreichen Veröffentlichungen Themen der christlichen Kunstgeschichte.

 

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