Goethe in der Campagna, Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Rom 1787, Sammlung des Städel Museums Quelle: Wikipedia, Foto: Martin Kraft

Goethe in der Campagna, Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Rom 1787, Sammlung des Städel Museums Quelle: Wikipedia, Foto: Martin Kraft

Es soll im Jahr 1511 gewesen sein, als der junge Mönch Martin Luther aus dem Erfurter Augustinerkloster aufbrach, um ins Heilige Rom zu pilgern. „Sündenpfuhl“ wird er die Stadt später nennen und „Hure Babylons“, während Dichterfürst Goethe – fast 300 Jahre danach – schwärmt: „Ja, endlich bin ich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!“
Ob Martin Luther überhaupt in Rom war, wird in Forscherkreisen noch diskutiert. Man weiß also nicht, ob es tatsächlich seine frustrierenden Rom-Erfahrungen waren, die zum Schlüsselerlebnis für die Kritik an der Kurie wurden und 1517 in den 95 Thesen wider den Ablasshandel und seine Hintergründe mündeten.
Polarisiert hat die Stadt am Tiber wohl schon immer. Neben vielen schwärmenden Rom-Verehrern finden sich zu allen Zeiten auch Rom-Hasser. Einer von ihnen ist der gern provozierende Autor Rolf Dieter Brinkmann: „[…] genaugenommen stolpert man durch nichts als Ruinen,“ schrieb er 1975, „und zwischen diesen Ruinen scharrt das alltägliche Leben […] ein Leben in staubigen Resten der abendländischen Geschichte /“. Dabei sind es doch gerade diese Ruinen, die vor allem uns Nordlichter an Rom faszinieren, oder?

Der Mythos lebt

Wie kaum ein anderer hat Johann Wolfgang von Goethe unser Italienbild geprägt. Inkognito bereiste er das Land, lebte in Rom mit dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und anderen Künstlern in einer WG und genoss das Leben in vollen Zügen. Mit seinem literarischen Reisebericht, der vor ziemlich genau 200 Jahr erschien, hat er einen Italienmythos geprägt, der sich zwar gewandelt haben mag, aber irgendwie immer noch wirksam ist. Allein fünf Millionen Deutsche zieht es jedes Jahr über die Alpen gen Süden: Sonnenanbeter, Romantiker und Gourmets, Bildungsreisende und Kunstliebhaber, Pilger und Sinnsucher, Literaten, Künstler aller Gattungen. Das hat Tradition und der Stadt Rom, als Zentrum der Christenheit und Mekka der Kunst, kommt dabei besondere Bedeutung zu.

Reise zu den Heiligen

Keine andere Metropole war (und ist) seit so langer Zeit Sehnsuchtsort und Kristallisationspunkt für Wünsche, Ideale und Hoffnungen. Anfangs kamen die Menschen angezogen von den wunderwirkenden Reliquien der Heiligen nach Rom. Über deren Gräbern wurden seit der Zeit Kaiser Konstantins des Großen imposante Kirchen erbaut. Tausende begaben sich auf lange gefahrvolle Reisen und hofften auf Sündenerlass und Seelenheil. Sie besuchten die sieben Pilgerkirchen der Stadt, erklommen auf Knien die Scala Sancta, die Heilige Treppe hinauf zur Papstkapelle Sancta Sanctorum.

 Die Stadt der Wunder und der Kunst

„Gleich dir, Roma, ist nichts, obschon du fast gänzlich Ruine. Wie gewaltig du warst, als du noch heil – in Trümmern zeigst du es an“. So beschrieb Hildebert de Lavardin, Schriftsteller und Erzbischof von Trier, bereits im Jahr 1100 die Stadt Rom. Tatsächlich übten die Wunderwerke Roms, die sogenannten Mirabilia, eine besondere Faszination aus, jene Statuen von Göttern und Herrschern in Marmor und Bronze von teils gigantischen Ausmaßen, die den Untergang der antiken Welt überlebt hatten.
Seit der Zeit der Renaissance galten sie als Inbegriff des antiken Kunstideals und hatten eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Künstler des Nordens. Es ließe sich ein „who is who“ der Kunstwelt aufzählen. Um nur einige der klangvollen Namen zu nennen: Hendrik Goltzius, Peter Paul Rubens, Nicolas Poussin, William Turner, Heinrich Füssli und die Malerin Angelika Kauffmann. Sie soll über Rom gesagt haben: „Dieses ist die Residenz der schönen Künste.“
Meist kamen die Künstler in jungen Jahren nach Rom. Sie nahmen die Eindrücke der Stadt auf, wollten sich bilden, tauschten sich aus und waren zumeist dem schönen Leben zugetan. Für viele war Rom die letzte und eine der wichtigsten Stationen ihrer „Lehrjahre“.

Karte Roms mit den sieben Hauptkirchen; Antoine Lafréry/Etienne Du Pérac, 1575-77, Speculum Romanae Magnificentiae, Bayerische Staatsbibliothek München

Karte Roms mit den sieben Hauptkirchen; Antoine Lafréry/Etienne Du Pérac, 1575-77, Speculum Romanae Magnificentiae, Bayerische Staatsbibliothek München

Christoph Brech, Innenhof der Musei Capitolini, Rom

Christoph Brech, Innenhof der Musei Capitolini, Rom

Neue Blicke

Im 18. Jahrhundert wurden die Wunderwerke Roms zum Thema der Wissenschaft, aber auch zum Gegenstand verklärender künstlerischer Interpretationen. In der Kunst des 19. Jahrhunderts veränderten realistische Tendenzen und vor allem die dokumentarische Fotografie den Blick auf die Antiken. Sie wurden versachlicht. Man setzte sie als Fragmente mit all ihren Verletzungen ins Bild und schließlich wurden sie – im 20. und 21. Jahrhundert – sogar Gegenstand künstlerischer Dekonstruktion. Insbesondere Foto- und Videokünstler/innen öffnen heute den Blick auf die Wunder Roms auf beeindruckende, oft überraschende Weise.
Einer von ihnen ist Christoph Brech. 2006 lebte und arbeitete er als Stipendiat in der Villa Massimo, der deutschen Akademie in Rom. Für das Ausstellungsteam des Diözesanmuseums Paderborn wurde die Begegnung mit seinen Arbeiten zur Inspirationsquelle für die Beschäftigung mit den „Wundern Roms“.
Und so wirkt er also weiter, der so lebendige Mythos Roms, denn unterdessen laufen die Vorbereitungen für die große Rom-Ausstellung auf vollen Touren. Die Spurensuche ist sehr erfolgreich und gemeinsam mit vielen Partnern im In- und Ausland spürt man der ungebrochenen Anziehungskraft und den Geheimnissen der Heiligen und der Ewigen Stadt nach, die so viele Künstler/innen des Nordens inspiriert hat.

In der Ausstellung WUNDER ROMs im Blick des Nordens wird der Fotografie und insbesondere Christoph Brechs Rom-Werken eine eigene Abteilung gewidmet.
Dazu und zu vielen anderen Rom-Themen erzählen wir hier demnächst mehr.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

Torso del Belvedere, Museo Pio Clementino, Rom; in „Freie Blicke – Christoph Brech fotografiert die Vatikanischen Museen,

Torso del Belvedere, Museo Pio Clementino, Rom; in „Freie Blicke – Christoph Brech fotografiert die Vatikanischen Museen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Mir hat die Ausstellung sehr gut gefallen. Wir hatten auch eine Führung. Doch die war eigentlich zu kurz. Wir mussten 10. Minuten nach 18.00 die Räumlichkeiten verlassen. Das war ja auch korrekt. Doch die oberste Etage und die Vögel-Installation konnten wir nicht mehr anschauen. Ich werde wohl ein zweites Mal wiederkommen und mir dann den Katalog gönnen, wenn er nicht zu teuer ist. Dafür. Lieb beim ersten Besuch keine Zeit mehr.
    Danke an alle Experten für die viele Mühe, so eine Ausstellung zu organisieren!
    Sabine Echterdiek
    Sbsbeckm@googlemail.com

    1. Guten Tag Frau Echterdiek,
      danke für den Kommentar und schön, dass Ihnen die Ausstellung so gut gefallen hat. Natürlich freuen wir uns, wenn Sie noch einmal wiederkommen. Manche Eindrücke lassen sich „auf den zweiten Blick“ sehr gut vertiefen und erweitern….
      Viele Grüße vom
      Wunder-Team

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