Das große Treffen: Papst Leo III und Karl der Große in Paderborn (Ausstllungsfoto: 799 · Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Foto: AusstellungsgesellschaftPaderborn

Das große Treffen: Papst Leo III und Karl der Große in Paderborn. Ausstellungsfoto: 799 · Kunst und Kultur der Karolingerzeit.
Foto: Ansgar Hoffmann; Museum in der Kaiserpfalz

Eine Rom-Ausstellung. In Paderborn! Wo sonst? Das frage man sich (selbst ein wenig verblüfft) nach einem Gespräch mit Museumdirektor Christoph Stiegemann. Was hat die Stadt in der, sagen wir mal, eher behäbigen westfälischen Provinz mit der quirligen Metropole am Tiber zu tun?

DIE ZEIT UND DER MÜLL Trash-Kunst und Konsumkritik – Werkschau des Aktionskünstlers HA Schult im Diözesanmuseum Paderborn, 2013

DIE ZEIT UND DER MÜLL
Trash-Kunst und Konsumkritik – Werkschau des Aktionskünstlers HA Schult im Diözesanmuseum Paderborn, 2013

„Eine ganze Menge“, antwortet der Museumsmann und lacht: „Es gibt Künstler, die den Vorposten Roms im hohen Norden ganz deutlich erspüren. HA Schult zum Beispiel, der immer gern beim Italiener seines Vertrauens mit Blick auf die Paderborner Jesuitenkirche saß, und wenn dann eine Trüpplein Ordensschwestern am Fenster vorbei zog, sagte: Schon bin ich wieder in Rom.“ 2007 zeigte der weltweit aktive Aktionskünstler Schult 1.000 seiner lebensgroßen Trash-People auf der römischen Piazza del Popolo, 2013 war seine große Retrospektive „Die Zeit und Der Müll“ im Diözesanmuseum Paderborn zu sehen. Und welche Verbindungen gibt es sonst noch?

Päpste an der Pader

„Das fing schon 718 an, als der hl. Bonifatius nach Rom pilgerte. Papst Gregor II. beauftragte ihn, die wilden, wüsten Völker des Nordens zu christianisieren“, erzählt Stiegemann. Das tat der Angelsachse gründlich und baute die nordischen Diözesen strikt nach römischen Weisungen auf. Schon wenige Jahre später, im Sommer 799 war Paderborn dann Schauplatz eines besonderen Gipfeltreffens: Hier, in seiner Pfalz, empfing Karl der Große Papst Leo III. (der aus Rom geflohen war …). Der nächste Papstbesuch ließ ein wenig auf sich warten: Johannes Paul II. kam 1996 an die Pader.

Berichte und Barmherzigkeit

Die Achse Rom – Paderborn hat also eine lange Tradition und das zeigt sich vielfältig: Erzbischof  Hans-Josef Becker trägt, z.B. beim Libori-Fest, ein Pallium, das er aus den Händen des Papstes erhielt. Dieses Zeichen des Hirtenamtes ist eine Art „Halskragen“, gewebt aus der Wolle von zwei Lämmern. Alle fünf Jahre reist der oberste Paderborner Kirchenmann zum ad limina-Besuch nach Rom, um aus dem Bistum zu berichten. Auch geht jährlich ein Report an die römische „Zentrale“, in dem u.a. die kulturellen Aktivitäten dokumentiert werden, auch der Museumsbesuch. Zurzeit sind die beiden Städte sozusagen von Tür zu Tür miteinander verbunden, denn die Heilige Pforte ist geöffnet – nicht nur in Rom, auch in Paderborn und allen anderen Bistümern weltweit. Papst Franziskus hat für 2016 das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Gut getimed begann es just zur Finissage der großen Caritas-Ausstellung im Dezember 2015, bei der die Nächstenliebe das zentrale Thema war.

 

Heilige Pforte am Dom zu Paderborn

Heilige Pforte am Dom zu Paderborn

Pressetermin mit wertvollen, mittelalterlichen Büchern im altehrwürdigen Palazzo della Cancelleria, Rom (2005) © Foto Waltraud Murauer-Ziebach

Pressetermin mit wertvollen, mittelalterlichen Büchern im altehrwürdigen Palazzo della Cancelleria, Rom (2005) © Foto Waltraud Murauer-Ziebach


Pilgern zum „Kraftzentrum“

„Rom ist das Kraftzentrum“, sagt Christoph Stiegemann, „bis zum heutigen Tag. Das Papsttum hat über den Ruinen der Antike, das Erbe der Antike aufgearbeitet, spiritualisiert, vergeistigt. Und den Päpsten ist es gelungen, die bedeutendsten Reliquien in Rom zu versammeln. Da haben wir natürlich die Apostel Petrus und Paulus, den Petersdom und St. Paul vor den Mauern. Oder die Diakone Stephanus und Laurentius, die in Rom verehrt werden, und so kam es, dass Rom zu einem der herausragenden Pilgerzentren wurde.“ Wer die anstrengende Reise auf sich nahm und die sieben Stationskirchen besuchte, die zum Pflichtprogramm einer Pilgerreise in die Heilige Stadt gehörten, wurde von seinen Sünden befreit. Ein starkes Argument und es hatte Jahrhunderte lang Bestand. Bis heute organisiert die Pilgerstelle des Erzbistums Paderborn gemeinsam mit Viator-Reisen Rom-Wallfahrten für 300 bis 400 Pilger pro Jahr.

Goethe und die Paderborner

Eher von Sehnsucht und Überdruss getrieben, trat der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe seine Italienischen Reise an und traf auf Pilger aus Ostwestfalen. Während seiner Überfahrt nach Venedig im September 1786 fielen ihm zwei vermummte Gestalten auf: „Als ich vernahm, dass es Deutsche sein, gesellte ich mich zu ihnen und vernahm, dass sie aus dem Paderbörnschen herstammten. Beides waren Männer schon über fünfzig, von dunkler, aber gutmütiger Physiognomie.“

Dank der Musei Capitolini fanden antike Altäre und heidnische Götterbilder ihren Weg in unsere Ausstellungen Blick in die Credo-Ausstellung (2013) © Foto Diözesanmuseum Paderborn

Dank der Musei Capitolini fanden antike Altäre und heidnische Götterbilder ihren Weg in unsere Ausstellungen Blick in die Credo-Ausstellung (2013)
© Foto Diözesanmuseum Paderborn

 

Deutsche Römer, gute Kontakte und kostbare Leihgaben

„Die Verbindung Paderborn – Rom hat viele interessante und spannende Aspekt“, sagt Christoph Stiegemann: „In jedem Jahr schickt das Erzbistum einen Studierenden zur Priesterausbildung nach Rom, ans renommierte römische Priesterseminar Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum, in der Regel studieren sie dann an der päpstlichen Universität Gregoriana. Man bezeichnet sie als Germaniker. Einmal im Jahr treffen sich Alt- und Jung-Germaniker.“ Einer von ihnen ist Prälat Max Eugen Kemper, ein „Deutsch-Römer“, der viele Jahre lang Botschaftsrat an der deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl war. „Er ist für uns ein wichtiger Mentor“, so Stiegemann „und hat uns als profunder Kunstkenner viele Türen bei den vatikanischen Museen geöffnet.“ Seit fast 20 Jahren besteht ein enges Band zwischen dem Diözesanmuseum Paderborn und der Biblioteca Apostolica Vaticana, der Vatikanischen Pinakothek, den Musei Vaticani und unterdessen auch zum berühmtesten stadtrömischen Museum, dem Musei Capitolini. Schätze, wie der Elfenbein-Einband des Lorscher Evangeliars, eines der bedeutendsten Kunstwerke frühmittelalterlicher Buchkunst, die Vita Mathildis mit der Darstellung des

Die Musei Vaticani liehen uns kostbare Goldgläser, kunstvoll gestaltete Reliquiare und zuletzt sogar, einen echten Raffael! © Wolfgang Noltenhans

Die Musei Vaticani liehen uns kostbare Goldgläser, kunstvoll gestaltete Reliquiare und zuletzt sogar, einen echten Raffael!
© Foto Wolfgang Noltenhans

Gangs nach Canossa, und andere Exponate von unschätzbarem Wert, kamen über diese vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den römischen Wissenschaftlern und Museumsleuten nach Paderborn. Zu sehen waren sie in den großen Sonderausstellungen des Diözesanmuseums: 799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit (1999), Canossa 1077 – Erschütterung der Welt (2006), CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter (2013) und Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart (2015).

Mehr als eine Verbindung existiert also zwischen Paderborn und Rom – Grund genug, mal eine Ausstellung zu den WUNDERn ROMs zu zeigen!

Ein Beitrag von Waltraud Murauer-Ziebach

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